Fidelio – Seniorenbegleitung für Reisen, Kultur und Alltag« nennt sich eine Dienstleistung, die Annette Hüttmann, 47, aus Neunkirchen am Brand (Landkreis Forchheim) seit rund zwei Jahren anbietet. Offenbar hat die examinierte Krankenschwester mit ihrer Geschäftsidee eine Marktlücke gefunden, denn ihr Service stößt mehr und mehr auf Akzeptanz. Anfangs schaltete sie noch Inserate und legte ihren Werbeprospekt in Arztpraxen und Treffs für Ältere aus, um die ersten Kundinnen (Männer zeigten weniger Interesse) zu gewinnen. Jetzt wird ihr Angebot vorwiegend durch Mund-zu-Mund Propaganda bekannt.
»Es funktioniert«, bestätigt Marianne Stolzenberg, 90, die den Begleitservice schon häufiger in Anspruch genommen hat. Auch ihr »Rollator« ist kein Problem. Die Gehhilfe findet im geräumigen Van von Annette Hüttmann ohne weiteres Platz. Eine Einstieghilfe erleichtert das Hineinklettern in den Wagen, der vier Personen – bei Bedarf auch mehr – bequem Platz bietet.
»Ach, wissen Sie«, lächelt Marianne Stolzenberg verschmitzt, »ich bin ja schon längst jenseits von Gut und Böse«. Deshalb genießt sie jetzt den Abend im Mühlentheater von Möhrendorf (nahe Erlangen) in vollen Zügen. Die Männer sind es, die hier vor allem ihr Fett abkriegen, dazwischen selbstironisch auch die Frauen – spritziges Kabarett und fetzig dargebotene Salonmusik wechseln sich ab bei Lizzy Aumeier und ihren »Weißen Lilien«.
Spaß an frechen Sprüchen
Die vier alten Damen mitten im Publikum amüsieren sich prächtig, auch wenn es einmal etwas deftiger zur Sache geht. Mariannes Freundinnen Elisabeth Wilde, 85, und Christa Fruhner, 78, haben anscheinend durchaus ein Ohr für freche feministische Sprüche. Dorothea Weber, 82, die Vierte im Bunde, die sich dem Trio an diesem Abend angeschlossen hat, erfreut sich vor allem an den vertrauten, schwungvollen Melodien. Gefallen hat es allen, und hochzufrieden begeben sie sich nach der Vorstellung über den Parkplatz zum Auto, mit dem sie Begleiterin Annette Hüttmann sicher heimfahren und vor ihrer jeweiligen Haustür absetzen wird.
Den vergnüglichen Abend haben sich die Damen selbst spendiert – aus Freude am kulturellen Leben und dem Bedürfnis, die eigenen vier Wände für ein paar Stunden zu verlassen. Sie alle sind verwitwet und leben allein, Kinder und Enkel wohnen teilweise weit entfernt und haben weder Zeit noch Möglichkeit, die Mutter oder Großmutter auszuführen. Marianne Stolzenberg, energisch und trotz ihrer Gehbehinderung voller Tatendrang, hatte die geeignete Lösung für Unternehmungen der besonderen Art von Annette Hüttmann in einer Erlanger Publikation für Senioren entdeckt. |